Eine geschichtsträchtige Taxifahrt – oder wie man als Ex-Häftling lernt, über Folter zu lachen

Wieder in Yangon, hatten wir uns schon zuvor per Mail mit Kihn Maung Sue verabredet. Der 42-jährige arbeitet als Taxifahrer für ganz besondere Touren: Er selbst war sieben Jahre im Gefängnis, in dem er gefoltert und täglich verhört wurde, und das nur, weil er gemeinsam mit anderen Studenten für ein neues Regime und gegen die alten Regeln demonstriert hatte. Gemeinsam mit anderen Ex-Häftlingen fährt er nun für eine Organisation Taxi, die Touristen genau die Orte in Yangon zeigen will, die für den betreffenden Fahrer wichtig, einschneidend und bedeutsam oder auch einfach nur traumatisch sind.

Zuerst einmal hatten wir mit einem älteren Herren gerechnet, aber als Khin auftauchte, wurde uns wieder mal bewusst, wie nah die Schreckensherrschaft des Militärs eigentlich ist und wie jung die Menschen, die darunter leiden mussten. Khin ist ein lustiger Mann. Er lacht viel, macht Witze, ist offen, freundlich und oft ironisch. Er ist all das, was ich nicht erwartet habe und schnell wird klar, dass das Regime ihm vielleicht geschadet hat, ihn verletzt und ihn in seinen Rechten beschnitten. Doch eines hat niemand geschafft: Ihn zu brechen.

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Er ist stolz auf sein Land und er kämpft für die Freiheit und den Wandel in Myanmar. Trotz vieler Drohungen und trotzdem er weiß, dass das Militär noch immer Augen und Ohren überall hat und den alten Herren nur die Befugnisse zu Handeln fehlen; ist er in der Oppositionspartei aktiv und unterstützt Aung San Suu Kyi bei ihrem Plan Präsidentin zu werden (die Wahlen stehen 2015 an). Mit uns ist er zu den Orten gefahren, die für ihn wichtig sind. Dabei waren einige, deren Besuch sicher nicht einfach ist. Doch Khin nimmt all das mit einem Lächeln hin. Er sagt „Das ist meine alte Vergangenheit, die muss ich so nehmen, wie sie war und ich muss darüber lachen. Anders hält man es nicht aus.“

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Ein Ort von den Wichtigen, vor allem heute, ist die Parteizentrale der Opposition „National League for Democracy“. (Da sollten sich CDU und Konsorten mal eine Scheibe abschneiden, in dem Raum gab es weder PCs noch Screens oder Telefone – also nichts von Politik in Saus und Braus; dafür viele Plakate, Andenken und Fanartikel mit Bildern der Freiheitskämpferin und jede Menge Einheimische, die emsig arbeiten und für ihre Ideale einstehen wollen. Also echter Wahlkampf mit den simpelsten Mitteln. Da wird kein Schnickschnack gebraucht, im Zentrum steht der Glaube und die Hoffnung WIRKLICH etwas zu verändern, und man kann sich sicher sein, dass das Wahlprogramm und der Führungsstil von Aung San Suu Kyi sich von dem der aktuellen Regierung wirklich unterscheidet). Die Friedensnobelpreisträgerin wird von den Myanmarern einfach nur die „Lady“ genannt, niemand nutzt hier ihren richtigen Namen, und sie ist sowas wie das Licht am Ende des Tunnels. An sie glauben die Burmesen und für sie sind sie bereit alles zu geben. Dass das Militär den Wahlsieg der Lady wieder nicht als gültig werten könnte, so wie es beim letzten Mal der Fall war, bleibt für Khin ausgeschlossen. „Das können sie nicht mehr, so viel Macht haben sie nicht mehr. Zwar haben die Militärs einfach nur ihre Uniform getauscht und sitzen dennoch im Parlament und in hohen Positionen, aber sie haben nicht die Macht gegen eine demokratische Entscheidung vorzugehen – dafür ist Myanmar zu stark.“

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Wir fahren zu all den Gebäuden, die früher von den Militärs genutzt wurden, sie sind heute noch da, aber sie sind abgesperrt und leer, die Sicherheitsmänner lassen einen nicht hinein und nur durchs Gitter fotografieren. Khin zeigt uns das Haus der Lady, eigentlich sieht man nichts, nur die Mauer, doch er ist begeistert, dass hier die Frau wohnt, die sein Land mit ihn die Freiheit geführt hat. Er ist stolz, das merkt man, und ja, natürlich habe er sie schon in echt gesehen – mehrmals. Er zeigt uns das Universitätsgebäude in dem Obama zu den Menschen in Myanmar gesprochen hat, das Hotel in dem Gauck noch am gleichen Tag geschlafen hat (der Gute war gerade zur gleichen Zeit in Myanmar und hat sich mit der Lady getroffen) und fährt uns nach einer kurzen Absprache mit dem Sicherheitspersonal bis genau vor die Tür des Nobelresorts.

Als ich ihm von den Gefängnissen in Deutschland und Skandinavien erzähle, muss er immer wieder herzhaft lachen. Das sei ja wie ein Hotel. Man könne das nicht vergleichen, unser Land habe eine gute Regierung und seins habe keine demokratische, so sehr das auch betont würde. Und ich denke mir, er hat Recht, wir klagen oft, aber was hier vor ein paar Jahren passiert ist, ist so schlimm, dass unsere Klagen fast lachhaft erscheint.
Er hat mit mehreren Männern die Zelle teilen müssen, viele davon sind noch heute seine Freunde. Sie haben ihm Englisch beigebracht, die Älteren, die noch unter den Briten gelebt haben. Khin interessiert sich sehr für die Sprache, er wünschte, er würde sie besser sprechen. Nach all den Gesprächen und Fragen zum Gefängnis fährt er uns zu einem, in dem er gesessen hat. Khin hält nicht an, als wir da sind, und lässt uns nicht, wie sonst überall Fotos machen. Er fährt nur vorbei und lacht zynisch. Von Gefängnis steht hier nichts mehr, sie nennen es nun „Correctional department“. Doch es ist, was es ist. So richtig mag er nicht darauf eingehen, was sie mit ihm gemacht haben. Er hat Geschichte studiert und als die Studentenrevolution los ging, war Khin 22. Als er ins Gefängnis kam gerade mal 23. Eines Tages standen sie vor seiner Tür und haben ihn mitgenommen – wieso, das hat ihm keiner gesagt. „Am Anfang war es ok, da war ich hier im Gefängnis. Aber dann haben sie mich in die Provinz um Mandalay verlegt, da konnte ich meine Familie nur alle 2 Monate sehen, denn sie hatten nicht das Geld und die Zeit die beschwerliche Reise häufiger auf sich zu nehmen.“

Jeden Tag haben sie ihn und die anderen verhört. Wer sind deine Freunde? Wer ist noch gegen das Regime? Wer war dabei? Sie haben ihn geschlagen. Gefoltert. Das Wort Folter fällt, mehr will Khin nicht sagen und danach lacht er. Nur so hält er das Erlebte aus, denke ich mir. Heute hat Khin Frau und Kind. Sie leben im Außenbezirk von Yangon, weil sie es sich nicht leisten können im Zentrum zu wohnen. Als ehemaliger Regimegegner oder noch Aktiver, bekommt man kaum einen Job. Auch nicht mit abgeschlossenem Studium- deswegen fährt Khin Taxi. Und weil er den Menschen zeigen will, was passiert ist; so viele Jahre lang und bis ins 21. Jahrhundert hinein. Und irgendwie zeigt er uns auch, dass Myanmar trotzdem nach vorn blickt. Das die Menschen optimistisch sind und kämpfen, weil sie frei sein wollen. Ich frage ihn, ob er glaubt das die Lady im Jahr 2015 eine reelle Chance hat Präsidentin zu werden. Das ist klar für Khin. „Natürlich. Sie wird gewinnen. Nur sie kann all das ändern.“

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Er fährt uns auch zu Orten, die einfach schön sind. Vielleicht, damit Yangon nicht einen zu faden Beigeschmack für uns Westler bekommt. An einem See treffen sich abends die Pärchen, sie sitzen in den Gebüschen und „reden“. Es ist später Nachmittag, als Juliane und ich dort ankommen, aber es sind schon einige da und die reden nicht nur. Als ich ihm das sage, kichert der 42-jährige wie ein Teenager. „Ja“, sagt er, „das sei heute auch ok, eine Freundin haben ohne verheiratet zu sein.“ Myanmar öffnet sich und lernt dazu. Auch wenn der Weg noch ein langer, steiniger ist.

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Der Buddhismus ist allgegenwärtig in Myanmar, selbst die Kleinsten kennen die Abläufe des Betens und tun es mit ihren Eltern. Das sei auch wichtig, meint Khin, der Glaube helfe den Menschen hier. Egal woran man glaubt. Ob an Allah oder Buddha oder Jesus Christus. Ihm geht es vor allem darum etwas zu ändern und darum, dass man als Myanmarer frei sein kann, frei tun und lassen darf, was man will – auch frei glauben darf.

 

Als er sich verabschiedet lacht er auch, aber Khin ist müde. Er muss jetzt durch den Rushhour-Verkehr zurück nach Hause, was ja außerhalb liegt. Ich werde ihn empfehlen, habe ich gesagt. Das tue ich hiermit. Er hat mich nachdenklich zurück gelassen und mit dem Gedanken, dass wir in einer so sicheren Welt leben, dass wir uns kaum vorstellen können, dass in anderen Ländern noch heute Dinge geschehen, die nahezu unvorstellbar sind. Vielleicht weil sie so weit entfernt scheinen (auch wenn die aktuellen Ereignisse in der Ukraine uns gerade zeigen, dass solche Dinge viel näher sind als wir vermuten).